EN

Vielfalt durch Ruhe und Mangel

Ulf Dworschak ist Biologe in der Rekultivierungsabteilung der RWE Power AG
Durch den Abbau von Braunkohle im Tagebau wird die bisherige Landschaft zerstört. Dank der Rekultivierung ist es jedoch möglich, teils eine Fauna und Flora anzusiedeln, die vielfältiger ist als zuvor. So findet Ulf Dworschak auf den rekultivierten Flächen immer wieder Pflanzen, die ihre Heimat hier bereits verloren hatten.

„Es gibt hier immer wieder Überraschungen“, sagt Diplombiologe Ulf Dworschak. „Wenn ich durch die Landschaft fahre, kommt es schon vor, dass ich plötzlich mal voll in die Bremsen gehe, weil ich was Interessantes gesehen habe. Häufig sind es dann Arten, die selten geworden sind oder, die ich hier noch nie gesehen habe.“ Ein Beispiel dafür ist der Klappertopf. Eine Pflanze, die 10 bis 50 Zentimeter hoch wird, gelb blüht und die praktisch in der niederrheinischen Bucht ausgestorben war. Auf den rekultivierten Flächen allerdings findet man sie plötzlich wieder.

MP3
Die Entdeckung seltener Arten
Ein bisher noch nicht gesichtetes Insekt?
Ein bisher noch nicht gesichtetes Insekt?

Fast jedes Jahr eine neue Art 
So ist es auch mit zahlreichen Orchideen, die sich hier wieder angesiedelt haben. „Wir finden fast jedes Jahr eine neue Art, die hier wieder heimisch geworden ist“, berichtet Ulf Dworschak. Warum das so ist, dafür hat der Biologe eine Erklärung: „Hier auf den Flächen ist es ein bisschen so, als würden wir die Zeit in die 1950iger Jahre zurückdrehen. Also in die Zeit vor den großen Einsatz von Düngemitteln auf unseren Feldern und bevor auch durch die Luft so viel Stickstoff in den Boden eingetragen wurde. Damals gab es noch große, magere, ungestörte Brachflächen. Da waren Nährstoffe Mangelware und dann konnten solche Pflanzen dort gedeihen.“

MP3
Ein weiteres Beispiel: Die Gelbbauchunke
Versuchsflächen auf rekultiviertem Boden
Versuchsflächen auf rekultiviertem Boden

Schritt für Schritt zur Artenvielfalt 
Meistens sind die Flächen, auf denen diese Artenvielfalt vorzufinden ist, sogenannte Sukzessionsflächen. Die Fachleute bezeichnen damit ein Stück Land, das nach der Verkippung weitestgehend sich selbst überlassen wird. Pflanzen und Tiere siedeln sich Schritt für Schritt hier an – sukzessive eben. Ulf Dworschak: „Im Endeffekt macht die Natur das meiste selber. Man muss nur genau hingucken, um an manchen Stellen kleine Unterstützungshilfen geben zu können, damit das, was die Natur von selber will, auch ablaufen kann.“

MP3
Ulf Dworschak erklärt wie Sukksessionsflächen entstehen

Soll auf einer rekultivierten Fläche, wieder Landwirtschaft betrieben werden, ist mehr Arbeit nötig. „Wenn ertragreiche Äcker gewollt sind, pflanzen wir Luzerne“, erläutert Ulf Dworschak. „Das ist eine Kleesorte, die dafür sorgt, dass der Boden aufgelockert und gedüngt wird.“ Nach drei Jahren wird dann das erste Mal Getreide angebaut. Vier weitere Jahre pflanzen die Rekultivierer unterschiedliche Früchte hintereinander, so dass nach insgesamt sieben Jahren die Fläche einem Landwirt übergeben werden kann. 

MP3
Das Geheimnis Nährstoffarme Standorte
Mit dem Spektiv am Rande des Tagebaus
Mit dem Spektiv am Rande des Tagebaus

Brütende Wanderfalken 
Ulf Dworschak geht regelmäßig mit seinem Spektiv auf die Pirsch, um zu schauen, welche Vogelarten sich neu angesiedelt haben. Unorthodox ist der Platz, den sich ein Wanderfalkenpärchen für die Brut ausgesucht hat. Auf einem Absetzer im Tagebau Garzweiler brütet ein Pärchen in rund 65 Meter Höhe. „Nachdem der Wanderfalke Mitte des letzten Jahrhunderts in Deutschland fast ausgerottet war, startete in den 1970er Jahren ein Wiederansiedlungsprogramm. Wir wissen seit 2000, dass Wanderfalken wiederholt auf den großen Geräten im Tagebau nisten. Pro Jahr haben wir im gesamten rheinischen Revier etwa 20 Jungvögel, die hier geboren werden. Dass sie hier frei und wild leben, ist ein riesen Erfolg“, erklärt Ulf Dworschak.

MP3
Wanderfalken auf dem Absetzer
Ulf Dworschak im rekultivierten Buchenwald
Ulf Dworschak im rekultivierten Buchenwald

Ressource mit Verantwortung nutzen 
Auf die Frage, ob Kohleabbau und Umweltschutz sich nicht wiedersprechen, antwortet der Biologe ganz gelassen: „Braunkohle ist eine Ressource, die hier heimisch ist und die wir demnach auch nutzen sollten. Vor allem ist es bei der Braunkohle so, dass wir nicht einen Rohstoff importieren, der unter ungeklärten Bedingungen gewonnen wurde und der Dreck quasi woanders gemacht wird, wir ihn aber nicht sehen. Bei der heimischen Braunkohle können wir unsere eigene Verantwortung für unsere Natur vor unserer Haustür wahrnehmen und so gewährleisten, dass der Abbau wie auch die Rekultivierung sozial- und umweltverträglich sind.“

(Stand:  September 2007)
MP3
Ressource verantwortlich nutzen

Vita: 
Ulf Dworschak ist in München geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur begann er ein Studium der Biologie in München. Nach Abschluss seiner Diplomarbeit bot sich ihm die Chance, ins Rheinland zu wechseln. Hier arbeitet er in der Rekultivierungsabteilung der RWE Power AG. Mittlerweile ist er seit 17 Jahren für RWE Power AG tätig. Außerdem betreut Ulf Dworschak im Rahmen seiner Tätigkeit die Forschungsstelle Rekultivierung in Hackhausen bei Jüchen, die eine Kooperation der RWE Power AG mit dem Kölner Büro für Faunistik darstellt. Sie ist ein gemeinsamer Raum für die vielfältigen, interdisziplinären Forschungen rund um das Thema Rekultivierung.