EN

Umsiedlung als Chance

Sabine Meinhardt war Bürgermeisterin des Ortes Großgrimma, der vorzeitig und freiwillig umgesiedelt wurde

Die Geschichte von Sabine Meinhardt ist erstaunlich. Sie war Bürgermeisterin einer Gemeinde im mitteldeutschen Revier, die wegen des näher kommenden Tagebaus Profen umgesiedelt werden sollte. Nun würde man erwarten, dass Sabine Meinhardt sich gegen die Umsiedlung einsetzte, um ihren Ort wie auch ihren Posten als Bürgermeisterin zu erhalten. Sie entschied sich jedoch anders, „gerade um die Gemeinde Großgrimma zu retten“, wie sie sagt.

Die alte Dorfstrasse von Großgrimma
Die alte Dorfstrasse von Großgrimma

Die Gemeinde Großgrimma war 40 Jahre lang „Bergbauschutzgebiet“ – ein Begriff aus der ehemaligen DDR. Es bedeutete, dass der Bergbau absoluten Vorrang vor den Bedürfnissen der Menschen hatte, der Bergbau wurde vor den Menschen geschützt. Konkret hieß das: 40 Jahre wurde nicht in die Gemeinde investiert, da sie auf lange Sicht abgebaggert werden sollte. „Das war für uns natürlich keine schöne Situation“, erklärt Sabine Meinhardt. „Es gab beispielsweise gar keine Kanalisation in der Gemeinde. Das Abwasser lief in einem Graben neben der Straße entlang. Sie konnten demnach immer auf der Straße sehen, wer gerade gebadet hatte.“ An der Gemeinde wurde jahrelang nichts getan. Die Stromleitungen waren von 1912, die Trinkwasserleitungen von 1913 und beide, ob des Alters, in vollkommen marodem Zustand.

MP3
Infrastruktur in Großgimma
Auf dem Rentner-Nachmittag
Auf dem Rentner-Nachmittag

Nach der Wende 1989 wurde Frau Meinhardt Bürgermeisterin und sah sich zahlreichen Problemen gegenüber: Der Ort veraltete, die jungen Leute zogen weg in größere Städte, um der Frustration zu entgehen. Die Infrastruktur des Ortes war vollkommen veraltet, und auch, wenn man nun in einer Demokratie lebte, musste nach wie vor die Frage geklärt werden, ob die Einwohner umsiedeln wollten oder nicht. „Die Frage war, entweder Großgrimma bleibt erhalten, stirbt aber langsam aus, oder wir beginnen mit einer Revitalisierung der Gemeinde und siedeln freiwillig und frühzeitig um“, erinnert sich Sabine Meinhardt. „Schlussendlich ist uns die Entscheidung nicht schwer gefallen – die Umsiedlung war für uns eine Chance. Und wir wollten keine Umsiedlung erdulden, sondern sie selbst mitgestalten.“

MP3
Das Problem der Überalterung
Blick auf das neue Wohngebiet „Am Südhang“
Blick auf das neue Wohngebiet „Am Südhang“

Gemeinsame, freiwillige und vorzeitige Umsiedlung 
1992 entschlossen sich über 850 Einwohner der Gemeinde Großgrimma für eine gemeinsame, freiwillige und vorzeitige Umsiedlung in das sechs Kilometer entfernte Hohenmölsen. 1995 erfolgte der erste Spatenstich für das neue Wohngebiet „am Südhang“. Hier errichteten die ehemaligen Bewohner von Großgrimma insgesamt über 100 neue Wohnhäuser. Gleichzeitig wurde mit der neuen Schule, dem neuen Kindergarten, dem Friedhof mit Trauerhalle sowie den Sportstätten des SV Großgrimma eine Infrastruktur geschaffen, die es den alten Bewohner ermöglichte, ihre sozialen Strukturen zu erhalten und den jungen Bewohnern neue Bindungen zu knüpfen. Sechs Jahre später, 1998 war mit der Einweihung des Bürgerhauses die Umsiedlung abgeschlossen. Etwa 80 Prozent der ehemaligen Einwohner von Großgrimma zogen nach Hohenmölsen. Die Gemeinde Großgrimma gab es von da an nicht mehr – die politischen Aufgaben, so auch die Rechte und Pflichten des Ortsbürgermeisters wurden nun von den Politikern von Hohenmölsen wahrgenommen. Sabine Meinhardt war keine Bürgermeisterin mehr und feierte 2008 zehn Jahre Umsiedlung unter dem Motto „Wir sind angekommen“.

MP3
Die Rolle der Älteren
Gemeinsam am neuen Standort
Gemeinsam am neuen Standort

Stiftung statt Wehrturm  
Lange Zeit ungeklärt war die Frage, was mit dem Wehrturm der Kirche geschehen solle. „Der Turm stand auf einem leichten Hügel und überragte das ganze Tal. Ich kann mich erinnern, als ich ein Kind war und wir von Leipzig zurück nach Hause gefahren kamen, sagte meine Großmutter, da ist der Kirchturm, dann sind wir gleich zu Hause.“  
In der letzten Sitzung der noch bestehenden Gemeinde Großgrimma beschloss der Gemeinderat, das Geld, was für die Umsetzung dieses Wehrturmes verwendet werden sollte, stattdessen in die Einrichtung einer Stiftung zu investieren. Seither gibt es die „Kulturstiftung Hohenmölsen“, in der die Gemeinde Großgrimma fortleben soll. Das Stiftungskapital von 1,3 Millionen Euro wird für unterschiedliche Aktionen und Projekte genutzt. Sabine Meinhardt arbeitet seit 2000 für die Stiftung. Besonders viel Freude machen ihr die interdisziplinären und internationalen Sommerakademien, die seit 2003 stattfinden. Jedes Jahr kommen Schüler, Studenten und Wissenschaftler in die Region, um etwas über die Geschichte und Personen in dieser Bergbauregion zu erfahren. Die erstaunliche Geschichte von Sabine Meinhardt gehört jetzt dazu. 

(Stand: April 2010)

MP3
Hoffnung Sommerakademie
MP3
Was passiert bei einer Sommerakademie

Vita: 
Sabine Meinhardt ist in Mitten des Zeitz-Weißenfelser Braunkohlenrevier geboren und aufgewachsen. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach Beendigung der Schulzeit absolvierte sie eine Ausbildung zur Stomatologischen Assistentin. Zehn Jahre danach orientierte sie sich um und erwarb die staatliche Anerkennung zur Kindkrippenpädagogin. Von 1990 bis 1998 war sie Bürgermeisterin der Gemeinde Großgrimma und seit 2000 steht sie der Kulturstiftung Hohenmölsen vor.