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Wir sind was Eigenes

Heinz Frellstedt war der Geschäftsführer Technik der ROMONTA GmbH, die Wachs aus Braunkohle gewinnt

Denkt man an deutsche Braunkohle denkt man an Strom. Aber: Kohle ist mehr als Strom. Im Mitteldeutschen Revier gibt es bereits seit Jahrzehnten eine kleine ostdeutsche Erfolgsgeschichte. Und die beruht vor allem auf einer ganz besonderen Kohle, die aus einer einzigartigen Lagerstätte stammt.

Im Lager
Im Lager

„Sie kennen das heute von dem Gummibaum, den Sie im Wohnzimmer stehen haben“, erklärt der Geschäftsführer Heinz Frellstedt. „Oben auf den Blättern befindet sich so ein matt glänzender Belag. Der ist aus Wachs. Und das ist im Endeffekt unsere Geschäftsgrundlage.“ Unsere Kohle ist im Erdzeitalter des Eozäns entstanden, also in etwa vor 55-35 Millionen Jahren. Da herrschte hier in Amsdorf subtropisches Klima. Die Pflanzen schützten sich mit einem Überzug. Und dadurch, dass hier besonders viele von diesen Pflanzen beheimatet waren und weil Wachs im Prozess der Kohlebildung erhalten bleibt, hat unsere Kohle einen derart hohen Wachsgehalt. Der Prozentsatz schwankt zwar, liegt aber zwischen sechs und zweiundzwanzig Prozent. Optisch kann man das gut an den gelben Linien in der Amsdorfer Braunkohle erkennen, die Geologen sagen dazu „Bänder“.

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Eine ganz besondere Kohle
Heinz Frellstedt erklärt den Extraktor
Heinz Frellstedt erklärt den Extraktor

Brechen, Sieben, Trocknen und dann zum Extraktor 
Nach dem Abbau durchläuft die Rohkohle eine Aufbereitung. Sie wird gebrochen, gemahlen und auf einen Wassergehalt von 16 Prozent getrocknet. „Wenn die Stückchen in etwa so groß sind wie Linsen, kommt die Kohle in das Herzstück unsere Firma, den so genannten Extraktor“, erklärt Frellstedt. Da das Wachs in die Molekularstruktur der Kohle eingebunden ist, reicht es nicht aus, die Kohle beispielsweise einfach nur zu erhitzen, um das Wachs zu lösen. Im Extraktor wird die Kohle von einem 85 Grad heißen, organischen Lösungsmittel durchströmt, welches das Wachs fast völlig aus der Kohle löst. 

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Die Kohle-Aufbereitung
Hier wird das Wachs gegossen
Hier wird das Wachs gegossen

Später wird das Wachs weiter eingedickt und in pyramidenartige Blöcke gegossen. Fertig ist das Rohmontanwachs ausAmsdorf, von dem die Firma auch ihren Namen herleitet - ROMONTA. Die wachsfreie Kohle ist kein Abfall. Nach wie vor ist in Ihr noch der wertvolle Kohlenstoff enthalten. Sie wird in einem Grubenheiz-Kraftwerk zur Dampf- und Stromerzeugung genutzt.

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Verbundkette = Kohle doppelt nutzen
In der Qualitätsprüfung
In der Qualitätsprüfung

Anwendungsbereiche vom Lippenstift bis zum Asphalt 
„Der Endkunde kann unser Wachs nicht einfach so kaufen, es wird für die Anwendung aufbereitet. Aber unser Produkt steckt in vielen Erzeugnissen, in denen man es gar nicht erwarten würde“, berichtet der Geschäftsführer stolz. So findet das Montanwachs unter anderem Verwendung bei der Herstellung von Schmiermitteln, im Metall-Feinguss, im Straßenbau sowie in der bitumenverarbeitenden Industrie. Nach der Bleichung des Wachses eignet es sich sogar für die kosmetische und pharmazeutische Industrie. „Wenn sich also eine schöne Frau die Lippen rot schminkt, kann das durchaus sein, dass da unser Wachs drin ist“, schmunzelt Frellstedt. Außerdem sucht das Unternehmen ständig nach neuen Einsatzfeldern für das Wachs. In letzter Zeit haben die Forscher vor allem daran gearbeitet, einen Wasserschutz für Materialien zu entwickeln, die beim Häuserbau verwendet werden.

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Viele Möglichkeiten der Anwendung
ROMONTA Amsdorf (Foto: Gisela Saray)
ROMONTA Amsdorf (Foto: Gisela Saray)

Wechselvolle Unternehmensgeschichte
Seit 1922 wird am Standort Amsdorf Wachs gewonnen. Für die DDR war der Rohstoff unentbehrlich, da er devisenbringend exportiert werden konnte. Nach der Wiedervereinigung war der Übergang von der Plan- in die Marktwirtschaft mit Schwierigkeiten verbunden. „Zuerst kam die Treuhand, dann kamen die Spekulanten aus dem Westen“, sagt Frellstedt heute und man sieht ihm an, dass er über eine Zeit spricht, die ihm viele Bauchschmerzen bereitet hat. Nachdem die Erstgesellschafter aus dem Westen wegen unredlicher Machenschaften verurteilt wurden, konnte die ROMONTA allerdings, anders als andere ostdeutsche Unternehmen, durch tatkräftiges Handeln der eigenen Manager gerettet werden. In den 1990er Jahren wurde die Produktion aufwendig für rund 100 Millionen Euro modernisiert. „Heute sind bei uns 483 Menschen in Lohn und Brot“ und das betont Frellstedt sichtbar stolz „30 Jugendliche machen hier eine Ausbildung“. Auf die Zukunft des Unternehmens angesprochen, klingt die Antwort bescheiden und trotzdem selbstbewusst: „Wir können und wollen uns nicht mit den Großen der Branche vergleichen. Aber: Wir sind was Eigenes. Wir haben in den letzten Jahren so einiges geschafft – wir werden es auch weiter schaffen. Im Vertrauen auf das Können unserer Mitarbeiter gehen wir selbstbewusst in die Zukunft.“

(Stand: Februar 2008

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Eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte

Vita:
Heinz Frellstedt wurde 1953 im Kreis Hettstedt geboren, ca. 25 km von Amsdorf dem Sitz der ROMONTA GmbH entfernt. Eigentlich wollte er Architekt werden, bekam in der ehemaligen DDR allerdings einen Studienplatz an der Bergakademie in Freiberg zugewiesen. Seine Diplomarbeit führte ihn 1975 zur ROMONTA für die er seit damals in unterschiedlichen Funktionen tätig ist. Er begann im Tagebau und durchlief unter anderem Stationen als Betriebsingenieur an der Abraumbandanlage und an der Grubenbahn sowie als stellvertretender Tagebauleiter. Ab 1983 wechselte er an den Schreibtisch in den Bereich der technologischen Vorbereitung des Tagebaus. Seit dem 01.01.2008 ist er als Geschäftsführer Technik tätig und leitet gemeinsam mit dem Geschäftsführer des kaufmännischen Ressorts Gottfried-Christoph Wild die ROMONTA GmbH. 

Heinz Frellstedt ist am 5. November 2009 unerwartet verstorben.