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Sozialarbeiterin mit technischem Studium

Elisabeth Mayers-Beecks ist verantwortlich für die Umsiedlungen im rheinischen Braunkohlerevier

Ihr Beruf spielt sich zwischen zwei Extremen ab: auf der einen Seite leer stehende Häuser, zugezogene Rollläden und zerworfene Fensterscheiben, auf der anderen Seite neu wachsende Siedlungen, feiernde Schützenvereine und Richtfeste. Elisabeth Mayers-Beecks, die im rheinischen Braunkohlerevier die Umsiedlung von ganzen Dörfern organisiert, erlebt in ihrem Beruf täglich beides: Zerstörung und Neuaufbau.

Wenn Elisabeth Mayers-Beecks mit dem Auto im rheinischen Braunkohlrevier zwischen Köln und Aachen unterwegs ist, wird sie gesehen. Während sie langsam mit dem Auto durch die Dörfer rollt, wird sie mal mit Kopfnicken, mal mit Winken gegrüsst. Nur selten guckt jemand weg. Sie grüsst zurück, manchmal nickend, manchmal winkend. Die meisten Menschen, die hier leben, kennen sie. Und umgekehrt scheint sie auch die meisten „ihrer Umsiedler“ zu kennen.

Pier, ein kleines Dorf
Pier, ein kleines Dorf

Zum Beispiel Pier
Momentan geht es um Pier. In dem kleinen Dörfchen, das zwischen Bergheim und Aachen liegt, wohnten einmal 1.500 Menschen. Heute sind es nur noch 800. Pier befindet sich mitten in der Umsiedlung und die Mitarbeiter von Mayers-Beecks sind schon viel weiter als gedacht. „Eine Umsiedlung dauert in Gänze meistens zehn bis fünfzehn Jahre. Hier in Pier haben wir bereits nach zwei Jahren 60 Prozent der Anwesen erworben. Das ging bei den bisherigen Orten, die umgesiedelt wurden nicht so schnell.“ Bis 2015 muss der ganze Ort umgesiedelt sein, dann steht der Bagger vor der Tür. Um eine Anlaufstelle im Dorf zu haben, hat sich das Umsiedlungsteam von RWE Power in einem ehemaligen Privathaus einquartiert. Der ehemalige Besitzer hat sein Haus bereits verkauft. Die vereinzelten Büromöbel wirken etwas verloren in dem ansonsten leer stehenden Haus. „Sobald wir die Rollläden hochziehen, und so zeigen, dass wir da sind, kommen die Menschen vorbei“, sagt Elisabeth Mayers-Beecks.

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Elisabeth Mayers-Beecks erklärt die Umsiedlung Piers
Britta Gillißen in der Sprechstunde für Umsiedler
Britta Gillißen in der Sprechstunde für Umsiedler

Sozialpädagoge, Pfarrer und Bauingenieur in einem
So ist es auch diesen Morgen. Spontan kommt ein Handwerker vorbei, der im Dorf eine alte Werkstatt gemietet hat. Er will wissen, ob er da noch ein bisschen bleiben kann. Das Problem in diesem konkreten Fall: die Werkstatt im Hinterhof ist gemietet und die Eigentümer verlassen ihr Anwesen bereits Ende des Monats. Anscheinend, so sagt der gebräunte Dachdecker mit belgischem Akzent, sei das Haus bereits an RWEPower verkauft. Daher ist er jetzt gekommen. Wie oft bei der Arbeit der Umsiedlungsabteilung stecken die Schwierigkeiten im Detail. Wie sind momentan die Vertragsverhältnisse? Wer ist aktuell Eigentümer des Hauses? Gibt es die Möglichkeit, eine Übergangslösung zu finden? Der Handwerker will die Werkstatt nur für ein weiteres Jahr. Er ist selbst von der Umsiedlung eines anderen Dorfes betroffen und baut daher gerade selbst ein Haus mit eigener Werkstatt. Mayers-Beeks greift zum Telefonhörer und sagt: „Kleinigkeiten klärt man am besten sofort“. Gegen Mittag kommt Britta Gillißen, eine junge Mitarbeiterin von Mayers-Beeks. Sie ist heute Nachmittag die offizielle Ansprechpartnerin für Fragen der Umsiedler. Wer zur Sprechstunde kommen wird und mit welchen Problemen, weiß sie vorher nie. Auf die Frage, was denn das Wichtigste in ihrem Beruf sei, antwortet sie: „Man muss mit Menschen gut umgehen können. Eigentlich müsste man Sozialpädagoge, Pfarrer und Bauingenieur in einem sein.“

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Britta Gillißen über die Arbeit in der Umsiedlungs-Abteilung
Einige Häuser werden bereits ausgeräumt
Einige Häuser werden bereits ausgeräumt

Übergangszeit
An der Hauptstrasse wird heute ein Eckhaus ausgeräumt. Bis vor ein paar Wochen lebte hier noch eine alte Dame. In den engen kleinen Räumen des roten Klinkerbaus herrscht ein eigentümlicher Geruch. „Ja so riecht das, wenn wochenlang nicht gelüftet wird“, sagt einer der Männer, der die verbliebenen Habseligkeiten aus dem Haus schafft. Das Haus nebenan ist noch bewohnt. Hier wohnt ein alter alleinstehender Mann. Im Fenster liegt ein schwarzer Hund, der jeden garstig ankläfft der vorbeiläuft. „Vielleicht ist diese Übergangszeit, die schwierigste Phase“, sagt Mayers-Beecks. „Viele Häuser sind bereits leer, manche Nachbarn sind schon weg, bekannte Gespräche fehlen. Und dann wächst der Handlungsdruck, für die, die noch da sind.“ In dieser Zeit versucht das Unternehmen, die wichtigsten Bestandteile eines Dorfes am Leben zu erhalten. „Ich will, dass die Menschen, in ihrem Ort einen Laden haben, in dem sie Brot kaufen können, ein Geschäft in dem es Wurst gibt und eine Kneipe, um sich abends mal zu treffen.“ Konkret heißt das, dass die Läden, die noch vor Ort sind, finanziell unterstützt werden, beispielsweise in dem die Kosten für eine Halbtagskraft übernommen werden.

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Elisabeth Mayers-Beecks zur Übergangszeit
Auf dem Richtfest
Auf dem Richtfest

Richtfest im neuen Haus
Am späten Nachmittag bekommt sie einen Anruf. Ein Umsiedler feiert heute Richtfest im neuen Dorf und lädt sie herzlich dazu ein. Man kann sehen, dass sie sich über den Anruf freut. Eigentlich bleibt ihr wenig Zeit, aber sie sagt zu. „Das gehört zu den schönen Momenten in meinem Job. Zu sehen, dass jemand nach vielen schwierigen Entscheidungen in seiner neuen Heimat angekommen ist“. Zur Feier des neuen Hauses gibt’s Mettbrötchen, saure Gurken und Pils. Auch hier scheint sie fast alle zu kennen. Auf die, die sich nicht kennt, geht sie zu. Als sie sich nach einem Wasser eigentlich schon Richtung Köln verabschieden will, kommt dem neuen Hausherren noch eine Frage: Was ist eigentlich mit dem neuen Sportplatz, wann ist der fertig? Wo soll der Verein in der Zwischenzeit spielen? Wer zahlt den Kleinbus fürs Hin- und Herfahren? Mayers-Beecks greift ihn am Ellebogen und erläutert das Thema in ein paar Metern Distanz zur Gesellschaft. Nach zwei, drei Sätzen lachen beide kurz und nähern sich der Gruppe wieder an. „Alles Gute im neuen Haus“, sagt sie noch zu allen, lächelt, winkt kurz zum Abschied und geht Richtung Auto. 

(Stand: Juni 2007)

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Bauherr Matthias Hahn über Elisabeth Mayers-Beecks und die Umsiedlung

Vita:
Elisabeth Mayers-Beecks wurde 1958 in Aachen geboren. Sie ist studierte Architektin und Stadtplanerin. Seit 1982 ist sie im Unternehmen RWE Power in unterschiedlichen Funktionen tätig. Befasst hat sie sich dabei immer mit Fragen der Braunkohlenplanung und Umsiedlung. Seit 2003 leitet sie die Umsiedlungsabteilung. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne.