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Lausitzer Braunkohle gewinnen

Doris Wüstenhagen ist verantwortlich für eine Vielzahl von organisatorischen Abläufen in der Rekultivierung im Lausitzer Braunkohlerevier

Im Vorfeld fängt ihre Arbeit an. Sind die Flächen für den bergmännischen Prozess hergestellt, gilt ihre Aufmerksamkeit dem „Neuland“ das landläufig als Kippe bezeichnet wird. Im Lausitzer Revier wird der Abraum über eine beeindruckend große Förderbrücke von einer Seite des Tagebaus auf die andere „verkippt“. Daher das Wort. Viele Menschen bezeichnen aber auch einfach die neue rekultivierte Landschaft, als „Kippe“. Aber die, so weiß Doris Wüstenhagen, entsteht erst nach und nach.

„Eine Sache, die man hier auf jeden Fall braucht ist Geduld“, erklärt Doris Wüstenhagen. Die ersten eigenen Erfahrungen mit dem Bergbau vermittelten Respekt und lösten Interesse aus. Doris Wüstenhagen war überwältigt von den Dimensionen der Technik und der Flächen, die für die Freilegung des „Lausitzer Goldes“ erforderlich waren. Sie selbst fühlte sich dagegen unscheinbar. Das ist jetzt 32 Jahre her. Heute kennt sie sich mit fast allen Bereichen des Braunkohleabbaus aus und arbeitet als Organisatorin in der Rekultivierung. Das heißt vor allem: koordinieren, Prozesse in Gang bringen und Kontakte knüpfen. Jede Fläche die durch den Bergbau beeinflusst wird, muss einen Ausgleich in der Bergbaufolgelandschaft finden. Die praktische Arbeit der Rekultivierer beginnt, wenn der Tagebau vorübergezogen ist, die Planung erfolgt jedoch mit zeitlichem Vorlauf. Die Ergebnisse unserer Arbeit werden immer in der Landschaft sichtbar sein.

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Man braucht Geduld
In der Nähe des Tagebaus
In der Nähe des Tagebaus

Der Boden ist ein wichtiger Standortfaktor 
Nicht alle Böden, die es über der Kohle gibt, sind gleich gut für die Rekultivierung geeignet. Verschiedene Erdzeitalter haben unterschiedliche Böden hervorgebracht. Manche sind fruchtbar, auf vielen anderen wächst wenig oder nichts. „Dementsprechend ist für uns in der Rekultivierung sehr entscheidend, welche Schicht die künftige Oberfläche bildet. Die Folgenutzung ist davon abhängig. Deshalb ist gezielte Einflussnahme zur Schüttung geeigneter Kippsubstrate an der Oberfläche bereits im laufenden Gewinnungs- und Verkippungsprozess notwendig, erklärt Doris Wüstenhagen. „Im Idealfall kommt das Beste nach oben. Schlecht sieht es aus bei Böden aus der Zeit des Tertiärs, die sind sehr rekultivierungsunfreundlich und sind oft nur durch einen hohen technischen Aufwand zu rekultivieren.

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Neuen Boden schaffen - eine schwierige Aufgabe
Doris Wüstenhagen vor rekultivierter Landschaft
Doris Wüstenhagen vor rekultivierter Landschaft

Auch Flächen haben „Lebensläufe“ 
Das Unternehmen Vattenfall ist verpflichtet, die Flächen, die durch den Braunkohleabbau beansprucht worden sind, wieder herzustellen. „Wir haben eine große Verantwortung“, betont Doris Wüstenhagen. „Es liegt in unseren Händen, dass der ehemalige Tagebau wieder für die Folgenutzung hergestellt wird.“ Meine Aufgabe ist es Folgenutzer frühzeitig in unsere Planungen einzubeziehen, denn ein frühzeitiges Miteinander sorgt für Akzeptanz des Bergbaues in der Region. Das heißt, die Hauptnutzung der neu entstehenden Landschaft wird meist Land- und Forstwirten übergeben, berücksichtigt aber auch Flächen für Naturschutz, Freizeit und Erholung „Vom Zeitpunkt des Flächenerwerbes für die Braunkohlengewinnung, bis zu dem Zeitpunkt an dem die Flächen wieder hergestellt sind und zur Vermarktung zur Verfügung stehen, haben diese Flächen bei uns sogenannte Lebenslauf-Akten. In diese Akten fließen alle Rekultivierungsdaten ein. Kurz: diese Akten sind so etwas wie das gute Gewissen der Abteilung.“

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Alles fliesst in die Lebenslaufakten
Doris Wüstenhagen überprüft die Weinreben
Doris Wüstenhagen überprüft die Weinreben

Weinbau auf der Kippe? 
Eine Aufgabe des Rekultivierungs-Teams rund um Doris Wüstenhagen ist es auch, in Kooperation mit anderen Partnern und Institutionen nach neuen Möglichkeiten zu suchen, die rekultivierten Flächen zu nutzen. „Wenn es auch ein bisschen phantastisch klingen mag: wir versuchen gerade Wein auf der Kippe zu etablieren“, sagt Doris Wüstenhagen. Auf einer Kippenfläche im Tagebau Welzow-Süd in der Nähe von Cottbus gedeihen seit 2005 Weinreben. „Gemeinsam mit der BTU Cottbus und der Forschungsanstalt für Weinbau in Geisenheim am Rhein haben wir uns für drei robuste Sorten entschieden. Weinbau ist hier in der Lausitz nichts absolut Neues. Bevor es den Bergbau als Wirtschaftszweig gab, wurde hier traditionell Weinbau von den Landbauern betrieben“, erklärt Doris Wüstenhagen. „Auch wenn unser Wein es vermutlich nicht in die Edelgastronomie schafft, es könnte ein interessantes Produkt werden. Außerdem könnten Folgenutzer auch Most und die Reben selbst vermarkten.“ Die erste Ernte auf dem kleinen Versuchsweinberg im Herbst 2007 macht auf jeden Fall Hoffnung. Die Einbeziehung und Mitwirkung von wissenschaftlichen Partnern ist für eine innovative Entwicklung unverzichtbar und wird seit Jahren gepflegt.

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Weinbau auf der Kippe
Doris Wüstenhagen
Doris Wüstenhagen

Ein Stück Lausitz 
„Ich bin in der Lausitz zu Hause“, Doris Wüstenhagen fühlt sich mit ihrer Heimat stark verbunden, das merkt man. Bergbau und Landschaft stellen für sie keinen Widerspruch dar, sondern gehören zusammen. „Meine Aufgabe ist es, Voraussetzungen zu schaffen um die Landschaft wieder entstehen zu lassen. Das braucht viel Zeit und vor allem Geduld. Die fehlt einigen manchmal.“ Die Rekultivierung sieht sie vor allem als Möglichkeit: „Wir haben die Chance die Landschaft so zu gestalten, dass sie ertragssicher, nachhaltig und mehrfach nutzbar ist. Und wir können Defizite der vorbergbaulichen Nutzung ausmerzen. Das heißt, wir können die Landschaft mehrfach nutzbar, vielfältiger und manchmal sogar regional typischer gestalten.“ Hier wird eine neue Wirtschaftsressource für die kommende Generation entstehen.“ 

(Stand: Oktober 2007)

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Eine Aufgabe: Heimat wieder entstehen lassen
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An der Landschaft “mitschreiben”

Vita:
Doris Wüstenhagen ist in der Lausitz geboren und aufgewachsen. Nach der Schule hat sie im September 1976 im „BKW Glückauf Knappenrode“ eine Lehre begonnen und bekam danach die Möglichkeit zu studieren. Auf der Fachhochschule für Energie und Bergbau machte sie 1981 ihrem FH-Abschluss in Bergbau und Maschinentechnik. Danach arbeitete sie unter anderem in der Projektierung im Veredlungs- und Tagebaubereich. Seit 1991 ist sie in unterschiedlichen Funktionen in der Rekultivierung tätig. Doris Wüstenhagen ist seit 1976 im Lausitzer Bergbau beschäftigt und feiert demnach 2008 ihr 32jähriges Dienstjubiläum.